Hanspeter Hess, Direktor, Verband Schweizerischer Kantonalbanken
Hanspeter Hess, Direktor, Verband Schweizerischer Kantonalbanken

Normalerweise spielt der sonntägliche Tatort in Städten wie München, Berlin oder Hamburg. Mitte März 2023 ist dies jedoch Bern. Die Telefone laufen heiss. Die Aufregung ist riesig. Die Schreckensnachrichten auf den News-Portalen mehren sich. Und am Ende geschieht das Unvorstellbare tatsächlich. Die Credit Suisse (CS), die seit 1856 den Finanzplatz Schweiz mitgeprägt hat, wird von der Grossbank UBS übernommen. Dabei leistet der Bund im Notrecht die Garantie für eine zusätzliche Liquiditätshilfe der Schweizerischen Nationalbank an die CS, um die Finanzmarktstabilität zu stärken, bis die Übernahme vollzogen ist. Die Nachbeben lassen nicht lange auf sich warten. Auf der ganzen Welt wird darüber berichtet, die hiesigen Politiker und Politikerinnen berufen eine Sondersession ein, der Ruf nach weiteren Regulierungen und Massnahmen wird laut. 

Ratio statt Emotio
Diese Emotionen sind nachvollziehbar: Die Rettung einer Grossbank, die vor allem mit überzogenen variablen Lohnbestandteilen für das Management und schlechtem Risikomanagement in den letzten Jahren auf sich aufmerksam gemacht hat, die Fusion zu einer noch grösseren Bank: das sind wirklich keine positiven Nachrichten. Jetzt muss aber wieder Ratio übernehmen, und diese Emotionen müssen beiseitegeschoben werden. Im Falle der CS sind die Ereignisse auf wiederholte und jahrelange Strategie- und Führungsfehler des Managements zurückzuführen sowie auf den dadurch ausgelösten Vertrauensverlust und Abfluss von Kundengeldern. Es braucht nun eine unabhängige, lückenlose und ergebnisoffene Aufbereitung der Ereignisse rund um die CS unter Einbezug der Rolle aller relevanten Akteure. Ein genaues Verständnis der Vorgänge ist massgebend und bildet die Grundlage für den Entscheid, ob und welche zusätzliche Regulierung nötig ist.

Es gibt auf dem Bankenplatz Schweiz 240 verschiedene Bankinstitute in verschiedenen Grössen und mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Für die Kantonalbanken ist zentral, dass die inländischen Bankkunden und Bankkundinnen sowie das Gewerbe mit hochwertigen Bankdienstleistungen versorgt werden. Dieses primär auf das Inland fokussierte Geschäftsmodell blieb über Jahrzehnte stabil und birgt viel weniger Risiken als die – sich über die Jahre oft verändernden – strategischen Ambitionen einer global tätigen Grossbank. Diesem Unterschied beim Risikogehalt für die Stabilität des Finanzplatzes Schweiz muss von Seiten der Politik unbedingt Rechnung getragen werden. Denn bereits heute leiden vor allem kleinere und mittlere Banken unter dem Regulierungseifer der letzten Jahre. Eine sinnvolle Regulierung muss ein definiertes Problem angehen und mit den vorgesehenen Massnahmen einen relevanten Lösungsbeitrag leisten. Es darf nicht sein, dass aufgrund von Fehlentscheiden einer global tätigen Grossbank nun alle Institute die Zeche zahlen müssen.