Autor: Éric Vauthey, Leiter Tradingfloor BCV

Zu den Finanzrisiken, denen die Chefetagen Rechnung zu tragen haben, gehört natürlich das Wechselkursrisiko. Die jüngsten Schwankungen des EUR/CHF-Kurses haben einmal mehr gezeigt, dass weiterhin mit einem starken Franken gerechnet werden muss. Beachtung verdient aber auch das Zinsrisiko, das im aktuellen Tiefzinsumfeld fast vergessen gehen könnte.

Auf die SNB ist nicht immer Verlass

Angesichts der Konjunkturlage ist zum Jahresende hin eine gewisse Vorsicht angezeigt. Der Konjunkturzyklus, der nach der Krise von 2008/2009 eingesetzt hat, durchläuft derzeit seine Reifephase. Der Aufschwung dürfte sich zahlreichen Indikatoren zufolge zwar fortsetzen, das Wachstum wird aber bescheiden bleiben. Jüngst hat der IWF für das laufende Jahr ein Weltwirtschaftswachstum von 3 Prozent prognostiziert. Dies wäre die schwächste Jahreszuwachsrate dieses Zyklus. Wachstumsimpulse liefern insbesondere die Zentralbanken, die erneut einen expansiveren Kurs eingeschlagen haben. Sie werden 2020 voraussichtlich an ihrer Tief- bzw.  Negativzinspolitik festhalten.

Für die KMU sind die makroökonomischen Ungewissheiten mit Risiken verbunden – und dies nicht nur, wenn  sich ihre Kunden mehrheitlich in der Eurozone befinden, sie ihre Rohstoffe in Dollar bezahlen müssen oder  gleich mehrere ihrer Kredite auslaufen. Auch auf die SNB ist nicht immer Verlass. Der 15. Januar 2015 – der  Tag, an dem der Euro-Mindestkurs aufgehoben wurde – dürfte den KMU noch gut in Erinnerung sein.

Risiken identifizieren

Im Gegensatz zu Geschäftsrisiken können Finanzrisiken wie das Wechselkurs- oder das Zinsrisiko antizipiert  werden. Natürlich lässt sich nicht mit Sicherheit voraussagen, wann die Zentralbanken ihre Leitzinsen anheben  werden oder ob der Franken erneut Parität zum Euro erreichen wird. Man kann diese Entwicklungen aber antizipieren und mithin ihre Auswirkungen auf die Unternehmensrentabilität abfedern.

Was aber bedeutet «antizipieren» genau? Es geht darum, bei einer jeden Entwicklung die Auswirkungen auf die liquiden Mittel, die Cashflows in Fremdwährung, die Lagerbewirtschaftung, den Finanzierungsbedarf oder die verschiedenen Bilanzposten zu eruieren. Antizipieren bedeutet also, die Risiken identifizieren. Anschliessend  müssen mögliche Risikobewältigungsmassnahmen evaluiert werden: Welche Arten der Absicherung eignen sich am besten? Wie teuer sind sie? Gibt es Alternativen? In einer zweiten Phase müssen die KMU «strukturell» vorbereitet werden, und zwar unabhängig von deren Grösse. Konkret gilt es, Betriebsabläufe für  Stressszenarien im Voraus festzulegen. Die Verteilung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten sowie die  anderen Prozesse müssen überdies von den zuständigen Führungsebenen genehmigt werden. Ein von langer Hand geplantes und regelmässig angepasstes Risikomanagement kann zu gegebener Zeit die  Entscheidungsfindung erleichtern. Gestützt auf diese Grundprinzipien legt jedes KMU seine eigene Strategie fest, wobei es seiner spezifischen Situation und seinen Überzeugungen Rechnung trägt. Das  Risikomanagement wird zwar immer komplexer, doch stehen den Entscheidungsträgern heute hilfreiche  Simulationstools zur Verfügung. Eines ist gewiss: Nichts tun kommt der Spekulation gleich.